Altes Gemüse

Mangold, Pastinaken, Topinambur, Rüben, bunte Karotten oder Erdbeerspinat – traditionelle Gemüsesorten feiern ein Comeback. Die geschmacksintensiven Varianten sind jedoch nicht immer leicht im Geschäft zu bekommen. Warum sie also nicht selbst im Hochbeet oder Balkonkasten züchten? Ein Gespräch mit Susanne Gura, der Vorsitzenden des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt.

Frau Gura, Steckrüben oder Pastinaken waren von der Speisekarte verschwunden. Jetzt bieten sie immer mehr Restaurants wieder an. Ist das nur ein vorübergehender Trend?

Wir hoffen, nicht. Die alten Sorten haben einen großen Reiz. Geschmacklich sind sie häufig ganz anders und auch viel intensiver als herkömmliches Gemüse. Oft haben ihre Inhaltsstoffe auch positive Effekte auf unsere Gesundheit.

Steckrüben bekomme ich auch im Supermarkt, bei bunten Karotten oder Erdbeerspinat wird es schwierig. Warum?

Der Anbau alter Sorten wurde in den vergangenen Jahrzehnten oft aufgegeben, weil es Fördermittel nur für Hochleistungslandwirtschaft gab. Manches Gemüse ist deshalb in Vergessenheit geraten, zum Beispiel die Linse. Die Alblinse von der schwäbischen Alb galt sogar als ausgestorben, erst in einer Genbank in St. Petersburg wurde man fündig. Heute kann man sie wieder anbauen. Auch bei der Steckrübe gibt es viel weniger Sorten als früher. Wenn ein Gemüse nicht mehr regelmäßig angebaut wird, erlischt irgendwann die Keimfähigkeit im Saatgut und die Sorte ist unwiderruflich verloren.

Kann ich alte Sorten problemlos im eigenen Garten oder auf meinem Balkon anbauen?

Ja, das geht sogar meist besser als mit neuen Züchtungen, weil ich auf Dünger und Pestizide verzichten kann. Allerdings muss ich darauf achten, welches Saatgut ich verwende. Was man in Baumärkten kaufen kann, entspricht häufig Ware für den Einsatz in der Landwirtschaft.

Wo finde ich denn besser geeignete Saaten?

Das ist gar nicht so leicht, weil es bei vielen Sorten ein regelrechtes Monopol von Agrarkonzernen gibt. Mittlerweile bieten spezialisierte Händler im Internet eine gute Auswahl. Wir selbst veranstalten Events wie Saatgutfestivals und Tauschbörsen. Da kann man nicht nur alte Sorten kaufen, sondern sich von den Erzeugern auch gleich beraten lassen. 

original

Steckrübe

Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt hat die Steckrübe zum Gemüse des Jahres 2017 gewählt – in Erinnerung an den Hungerwinter vor 100 Jahren. „Danach wurde die Steckrübe lange nicht mehr gegessen, weil man diese Zeit hinter sich lassen wollte“, sagt Susanne Gura. Heute erlebt das vielseitige Gemüse ein Comeback. Vorteil: Es kann auch ohne Kühlung lange gelagert werden. Zu den alten Sorten zählt zum Beispiel die Wilhelmsburger

original

Tomaten

Mehr als zehntausend verschiedene Sorten gibt es, in unterschiedlichen Größen und Farben. „Die meisten Pflanzen sind darauf hingezüchtet worden, dass ihre Früchte gleichzeitig reif sind“, sagt Gura. Sie empfiehlt stattdessen vor allem Sorten mit dünner Haut, etwa die Fleischtomate „St. Pierre“. Sie lässt sich zwar nicht gut lagern, bietet dafür aber einen intensiven Geschmack. Mit dem richtigen Pflanzgefäß, ausreichend Dünger und etwas Fürsorge gedeihen sie auch gut auf dem Balkon.

original

Blattgemüse

In den Supermarkt schaffen es meist nur Blattgemüse, die einen Transport gut überstehen, meist also Salatköpfe wie Eisberg oder Lollo Rosso. Im eigenen Garten lassen sich auch exotischere Sorten anbauen, sagt Gura. Ihr Tipp: Guter Heinrich und Gartenmelde. „Die Pflanzen sind vielleicht kleiner als ein handelsüblicher Salat, bieten dafür aber einen viel intensiveren Geschmack.“ 

original

Bohnen

Früher wurden Bohnen fast überall angebaut. Und weil das Gemüse so verbreitet war, sind alte Sorten gut erhalten geblieben. Das gilt allerdings hauptsächlich für Busch-und Stangenbohnen. Kaum verbreitet ist dagegen die Puffbohne, auch Ackerbohne oder Dicke Bohne genannt. Sie hat heute nur noch regionale Bedeutung. 

original

Chili und Paprika

Über 2000 verschiedene Sorten gibt es von dem Gemüse, viele davon mit ordentlicher Schärfe. Gerade bei Paprikas ist in den Supermärkten aber kaum Auswahl zu finden. Dabei gibt es sehr spannende Sorten, wie zum Beispiel Lemon Drop, eine gelbe, schmale Paprika. Sie hat einen leichten Zitronengeschmack und ist relativ scharf. Paprika und Chili stammen ursprünglich zwar aus Mexiko, können aber auch in Deutschland problemlos angebaut werden. Allerdings sollten sie im Warmen vorgezogen werden. 

Obst und Gemüse: AlexRaths/Essentials Collection/iStock
Steckrüben: STUDIO GRAND OUEST/Essentials Collection/iStock
Tomaten: zeleno/Essentials Collection/iStock
Salat: BraunS/Signature Collection/iStock
Bohnen: ThaiThu/Essentials Collection/iStock
Paprika: CampPhoto/Signature Collection/iStock

×